Die Krankenstände in deutschen Unternehmen sind in den letzten Jahren auf ein Rekordniveau gestiegen. Was dabei besonders auffällt: Mentale Belastungen stehen auf Platz zwei der häufigsten Krankschreibungsursachen. Das zeigt, dass sich der Trend der letzten Jahre fortsetzt: Laut AOK-Fehlzeiten-Report haben die Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Erkrankungen von 2014 bis 2024 um knapp 47 Prozent zugenommen und steigen seitdem weiter an.
Ein Hebel, um hohe Krankenstände zu vermeiden, ist die betriebliche Gesundheitsförderung (BGF): Maßnahmen, mit denen Arbeitgebende die körperliche und psychische Gesundheit ihrer Belegschaft aktiv stärken können.
Was ist betriebliche Gesundheitsförderung?
Betriebliche Gesundheitsförderung umfasst alle freiwilligen Maßnahmen, mit denen Unternehmen die körperliche und psychische Gesundheit ihrer Belegschaft unterstützen. Es ist neben Arbeitsschutz und betrieblichem Eingliederungsmanagement (BEM) eine der drei Säulen des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM).
BGF-Maßnahmen setzen dabei an zwei Stellen an: am Verhalten der Mitarbeitenden (Verhaltensprävention) und an den Arbeitsbedingungen selbst (Verhältnisprävention). Ein Stressbewältigungskurs ist zum Beispiel eine Verhaltensprävention, die Überprüfung von Arbeitspensum und Führungsverhalten im Team ist dagegen eine Verhältnisprävention.
BGF, BGM und Arbeitsschutz: die Unterschiede
Arbeitsschutz |
BEM |
BGF |
|
|---|---|---|---|
| Gesetzlich verpflichtend? |
Ja | Ja (ab 6 Wochen AU/Jahr, § 167 SGB IX) | Nein, freiwillig |
| Fokus | Gefährdungen vermeiden |
Wiedereingliederung |
Gesundheit aktiv fördern |
Beispiel |
Gefährdungsbeurteilung |
Stufenweise Rückkehr |
Rückenschule, Gesundheitstag |
Was sind die Ziele und Vorteile der betrieblichen Gesundheitsförderung?
Betriebliche Gesundheitsförderung zahlt sich auf beiden Seiten des Arbeitsverhältnisses aus:
Vorteile der betrieblichen Gesundheitsförderung für Unternehmen
- Weniger Fehlzeiten: Auf Basis von rund 2.400 Studien zeigt sich, dass BGF krankheitsbedingte Fehltage um durchschnittlich 25 Prozent senken kann. Jeder investierte Euro spart laut dem iga-Report im Schnitt 2,70 Euro durch geringere Fehlzeiten und Produktivitätsausfälle.
- Geringere Fluktuation: Eine Belegschaft, die sich gesundheitlich unterstützt fühlt, ist loyaler.
- Stärkeres Employer Branding: BGF macht Unternehmen für Talente attraktiver, was es in Zeiten des Fachkräftemangels zu einem ernsthaften Wettbewerbsvorteil macht.
- Höhere Produktivität: 63 % der Mitarbeitenden mit guter mentaler Verfassung beschreiben sich als besonders produktiv.
Vorteile der betrieblichen Gesundheitsförderung für Mitarbeitende
- Besseres Wohlbefinden und mehr Energie: Interne nilo-Daten zeigen, dass mehr als die Hälfte der Nutzenden nach der Plattformnutzung von verbesserter Entspannung, Stimmung und Energie berichten.
- Mehr Leistungsfähigkeit im Alltag: Eine gute mentale Gesundheit wirkt sich messbar auf Konzentration und Produktivität aus.
- Effektivere Stressbewältigung: Achtsamkeits- und Stressbewältigungsprogramme wirken nachweislich: Eine Auswertung von 105 Studien zeigt, dass fast alle Programme eine spürbare positive Wirkung auf die psychische Gesundheit haben und Stress deutlich reduzieren.
- Niedrigschwelliger Zugang zu Prävention: Digitale Angebote senken die Hemmschwelle besonders bei Themen rund um die mentale Gesundheit. Das ermöglicht eine frühe Unterstützung, bevor Belastungen zu Erkrankungen werden.
Was sind Maßnahmen und Beispiele für betriebliche Gesundheitsförderung?
Eine wirksame betriebliche Gesundheitsförderung setzt sich aus Maßnahmen zusammen, die zur Belegschaft, zu den Arbeitsbelastungen und zu den Unternehmenszielen passen.
Bewegung und Fitness
- Rückenschule und Wirbelsäulengymnastik: Besonders wirksam bei Beschäftigten, die viel sitzen, und eine der am häufigsten von Krankenkassen geförderten Maßnahmen
- Firmenfitness-Mitgliedschaften: Zugang zu Studios und Sportkursen, häufig über Kooperationspartner
- Schreibtisch-Workouts, -Yoga und aktive Pausen: Kurze Bewegungssequenzen am Arbeitsplatz, die Unternehmen über Video-Tutorials, Apps oder angeleitete Live-Sessions bereitstellen
- Fahrrad-Leasing: Fördert Bewegung auf dem Arbeitsweg und bringt steuerliche Vorteile für das Unternehmen und die Mitarbeitenden
Ernährung
- Ernährungsworkshops und -beratung zu ausgewogener Ernährung; über den 600-Euro-Freibetrag förderbar (digital oder vor Ort)
- Gesundes Kantinen- oder Catering-Angebot: Beeinflusst täglich die Gewohnheiten der gesamten Belegschaft
- Obst und gesunde Snacks
Stressbewältigung und mentale Gesundheit
- Resilienz-Workshops: Vermitteln konkrete Strategien für den Umgang mit Belastung und Unsicherheit
- Achtsamkeitstraining und Meditation: Fördern Selbstregulation; gut für Remote-Teams geeignet
- 1:1-Sitzungen mit Psycholog:innen: Professionelle Unterstützung, bevor Belastungen eskalieren
- Employee Assistance Programs (EAP): Beratung bei persönlichen oder beruflichen Krisen
- Digitale Plattformen für die mentale Gesundheit: App- oder browserbasierte Lösungen, über die Mitarbeitende jederzeit und ohne Wartezeiten auf psychologische Unterstützung, Selbsthilfe-Tools und geführte Übungen zugreifen können.
Ergonomie und Arbeitsplatzgestaltung
- Höhenverstellbare Schreibtische: Reduzieren Rückenbelastung in Büroumgebungen
- Ergonomie-Schulungen: Zeigen, wie sich der bestehende Arbeitsplatz optimal nutzen lässt
- Lärmschutzmaßnahmen: Gezielte Akustiklösungen in Großraumbüros senken Stresslevel messbar
Suchtprävention
- Raucherentwöhnungsprogramme
- Aufklärung zu Alkohol- und Medikamentenkonsum: Besonders relevant in stressintensiven Branchen
- Vertrauliche Beratungsangebote: Häufig kombiniert mit anderen Unterstützungsangeboten zur mentalen Gesundheit
Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Familienfreundlichkeit hat direkte Auswirkungen auf Stress, Krankenstand und Fluktuation. Konkrete Maßnahmen sind Zuschüsse zur Kinderbetreuung (steuerfrei bis 600 Euro pro Jahr und Kind nach § 3 Nr. 33 EStG) und flexible Arbeitszeitmodelle, die Zeitdruck als eine der häufigsten Stressquellen reduzieren.
Ist betriebliche Gesundheitsförderung steuerfrei?
Arbeitgebende können pro Mitarbeiter:in und Jahr bis zu 600 Euro steuerfrei in BGF-Maßnahmen investieren. Es handelt sich um einen Freibetrag, keine Freigrenze: Nur der Betrag über 600 Euro wird steuerpflichtig, nicht die gesamte Summe, sobald die Grenze überschritten wird.
Voraussetzung für steuerliche Vorteile
Die Maßnahmen müssen dafür den Anforderungen der §§ 20 und 20b SGB V entsprechen und dem GKV-Leitfaden Prävention genügen. Anerkannt sind zertifizierte Kurse zu Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung und Suchtprävention.
Reine Fitnessstudio-Mitgliedschaften zählen zum Beispiel nicht. Sie können aber über die 50-Euro-Sachbezugsfreigrenze nach § 8 Abs. 2 Satz 11 EStG abgedeckt werden, wenn der Arbeitgebende die Mitgliedschaft als Sachbezug bereitstellt.
Krankenkassen als Partner
Nach § 20b SGB V sind Krankenkassen gesetzlich verpflichtet, Unternehmen bei der betrieblichen Gesundheitsförderung zu unterstützen. Die Erstberatung läuft über regionale BGF-Koordinierungsstellen. Das Deutsche Netzwerk für Betriebliche Gesundheitsförderung (DNBGF) ist dafür die zentrale Anlaufstelle.
Mentale Gesundheit als Kernthema der betrieblichen Gesundheitsförderung
Psychische Erkrankungen verursachten laut AOK-Fehlzeitenreport 2025 im Schnitt 28,5 Ausfalltage pro Fall, deutlich mehr als Muskel-Skelett- oder Atemwegserkrankungen.
Im betrieblichen Gesundheitsmanagement sind psychische Belastungen über die Gefährdungsbeurteilung nach § 5 Arbeitsschutzgesetz abgedeckt. Auf der BGF-Seite ist Stressbewältigung eines der vier offiziell anerkannten Handlungsfelder des GKV-Leitfadens Prävention und damit formal gleichrangig mit Bewegung, Ernährung und Suchtprävention.
Wie sieht eine digitale und moderne betriebliche Gesundheitsförderung aus?
Eine moderne betriebliche Gesundheitsförderung denkt nicht nur in Aktionstagen und punktuellen Kursangeboten, sondern hat einen zusätzlichen digitalen Ansatz zum Ziel, der verschiedene Maßnahmen und Formate verbindet
Digitale Angebote sind orts- und zeitunabhängig und erreichen so auch Mitarbeitende im Homeoffice, an unterschiedlichen Standorten oder in Schichtarbeit. Sie senken die Hemmschwelle, Unterstützung anzunehmen, gerade bei mentalen Gesundheitsthemen.
nilo ist ein Beispiel für diesen Ansatz: Die Plattform bietet Mitarbeitenden niedrigschwelligen Zugang zu 1:1-Sitzungen mit Psycholog:innen – anonym, digital und ohne monatelange Wartezeiten.
So führst du betriebliche Gesundheitsförderung in deinem Unternehmen ein
Ein solides BGF-Konzept folgt vier Phasen. Für eine erfolgreiche Einführung ist entscheidend, dass betriebliche Gesundheitsförderung nicht als einmaliges Projekt verstanden wird, sondern als ein kontinuierlicher Prozess im Unternehmen.
Phase 1: Analyse
- Mitarbeiterbefragungen und Gefährdungsbeurteilungen durchführen, um die größten Belastungen zu identifizieren
- Krankenstandsdaten auswerten: Wo fallen besonders viele Tage an, welche Gründe für Fehltage dominieren?
- Betriebsrat frühzeitig einbinden, um Vertrauen zu schaffen und die spätere Akzeptanz zu verbessern
- Kostenlose Erstberatung bei der regionalen BGF-Koordinierungsstelle nutzen
Phase 2: Planung
- Maßnahmen auf Basis der Analyse auswählen und priorisieren
- Krankenkassen einbinden: Sie unterstützen bei der Auswahl zertifizierter Kurse und begleiten den Prozess
- Finanzierung klären: 600-Euro-Freibetrag und mögliche Krankenkassenförderung berücksichtigen
- Zuständigkeiten, Budget und Zeitplan festlegen
Phase 3: Umsetzung
- Belegschaft aktiv über Angebote informieren
- Niedrigschwellige Zugänge sicherstellen, besonders bei digitalen und mentalen Gesundheitsangeboten
- Förderantrag vor Beginn der Maßnahme stellen, Teilnahmebescheinigungen aufbewahren
Phase 4: Evaluation
- Nutzungszahlen und Teilnahmequoten erfassen
- Mitarbeiterfeedback einholen
- Krankenstandsentwicklung beobachten
- Ergebnisse als Grundlage für die nächste Planungsrunde nutzen, denn BGF ist kein einmaliges Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess