Die Rolle von mentaler Gesundheit in der betrieblichen Krankenversicherung (bKV)

Psychische Belastungen steigen, Krankheitstage kosten Milliarden – und Unternehmen reagieren. Im Gespräch zeigt Lukas Härle von ottonova, welche Rolle mentale Gesundheit in der bKV spielt und warum jetzt ein Umdenken stattfindet.

Die Rolle von mentaler Gesundheit im Kontext der bKV

Welche Rolle spielt mentale Gesundheit aktuell in euren Gesprächen mit Arbeitgebern im Kontext der bKV? Wie hat sich die Relevanz in den letzten Jahren entwickelt?

Mentale Gesundheit spielt mittlerweile eine zentrale Rolle, tatsächlich deutlich stärker als noch vor wenigen Jahren. Unternehmen merken, wie sehr psychische und körperliche Belastungen die Leistungsfähigkeit beeinflussen, und das spiegelt sich in praktisch jedem bKV-Gespräch wider. Nicht nur die Häufigkeit, in der das Thema zur Sprache kommt, nimmt zu, sondern auch die Tiefe.

Grundsätzlich lässt sich also festhalten, dass das Thema (mentale) Gesundheit der Belegschaft eine immer bedeutendere Rolle in Unternehmen einnimmt und man sich der wirtschaftlichen Bedeutung gesunder Mitarbeitender deutlicher bewusst wird. Was bei geschätzten Kosten von 349 Mrd. € aufgrund von Produktionsausfall und Verlust von Arbeitsproduktivität durch Arbeitsunfähigkeit im Jahr 2023 auch wenig überraschen dürfte.

Was Unternehmen antreibt, mentale Gesundheit zu stärken

Was treibt Unternehmen aus deiner Sicht am stärksten an, mentale Gesundheit stärker zu berücksichtigen? 

Es gibt mehrere Treiber, aber aus meiner Erfahrung steht ein Punkt im Zentrum: das Bewusstsein für die Bedeutung von gesunden Mitarbeitenden.

Deutschland lag 2022 mit durchschnittlich 24,9 Krankheitstagen pro Mitarbeitenden weit über dem EU-Schnitt, und seitdem hat sich die Lage eher verschärft.

Zudem spielt Employer Branding eine wichtige Rolle. Moderne Unternehmen wissen, dass Benefits heute nicht nur „nice to have“ sind, sondern Teil einer attraktiven Arbeitgebermarke. Wer hier ein Angebot zur mentalen Gesundheit integriert, hebt sich sichtbar vom Wettbewerb ab und verbindet Prävention, Kulturentwicklung und Bindung auf smarte Weise.

Das Potenzial präventiver Angebote in der bKV? 

Wo siehst du das größte Potenzial von Angeboten zur mentalen Gesundheit im Rahmen der bKV? 

Das größte Potenzial liegt für mich eindeutig im präventiven Bereich. Assistance-Leistungen werden in der bKV eine ähnliche Relevanz gewinnen wie sie es in der PKV bereits tun. Wir erstatten in der bKV beispielsweise Gesundheitsapps, darunter auch Angebote für mentale Gesundheit.

Allerdings wollen private Krankenversicherer schon lange als umfassende Gesundheitsdienstleister wahrgenommen werden und nicht nur als reine Kostenerstatter, was bisher im gesamten Markt semi gut umgesetzt ist. Prävention und Gesundheitsmanagement sind dafür essenziell.

Dadurch profitieren Arbeitgeber von gesunden Teams, Versicherer von stabileren Leistungskosten und Mitarbeitende von echter Unterstützung im Alltag. Bei ottonova investieren wir gerade in die Weiterentwicklung unseres health X-Programms, um genau in diesem Bereich noch stärkeren Mehrwert zu bieten. Tatsächlich spüren wir, dass der Wunsch nach mentaler und körperlicher Stabilität bei Mitarbeitenden deutlich steigt.

Die größten Hürden bei der Umsetzung

Was hörst du von Arbeitgebern als größte Hürde, wenn es um die Integration mentaler Gesundheit in betriebliche Gesundheitsstrategien geht?

Es gibt nachvollziehbare Hürden, aber viele davon beruhen auf Missverständnissen. Ein Klassiker ist die Sorge, dass durch Angebote zur Vorsorge oder mentalen Gesundheit „Krankheiten gefunden werden, die vorher gar nicht da waren“. Tatsächlich handelt es sich meist um frühere Diagnosen bestehender Belastungen, die sonst später und deutlich gravierender auffallen würden.

Ein zweites Thema ist der Datenschutz: Die Angst, sensible Informationen könnten im Unternehmen landen, hält sich hartnäckig.

Zudem verfügen die wenigsten Unternehmen bisher über eine wirklich ausgearbeitete Gesundheitsstrategie, was aber nicht schlimm ist. Denn der Weg, auf dem sich Unternehmen gerade befinden, ist absolut richtig, und genau dort unterstützen wir sehr gerne.

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Wie Unternehmen aktuell mit dem Thema Gesundheit um gehen

Wie gehen Unternehmen aktuell allgemein mit dem Thema Gesundheit um – unabhängig von konkreten Versicherungsleistungen?

Viele Unternehmen tun heute schon eine Menge und das verdient Anerkennung. Von integrierten Angeboten wie nilo über echte Bewegungsprogramme bis hin zur Einführung einer bKV sieht man deutlich, dass mentale und körperliche Gesundheit ernster genommen werden.

Gleichzeitig wird das Thema noch oft zu stark im Kontext Employer Branding betrachtet, statt als unternehmerische Verantwortung und wirtschaftlicher Faktor. Dann liest man auf Karriereseiten „Gesundheitsbenefits“ wie Fitnessstudiozuschüsse, Massagen oder mein persönliches Highlight: den Obstkorb.

Es zeigt, dass der Wille da ist, aber der strategische Gedanke fehlt noch in vielen Fällen.

Wichtige KPIs zur Bewertung von Gesundheitsmaßnahmen

Welche Indikatoren oder Kennzahlen werden deiner Erfahrung nach genutzt, um den Erfolg von Maßnahmen zur Gesundheit zu bewerten?

Neben der Zufriedenheit der Mitarbeitenden, die tatsächlich nicht zu unterschätzen ist, spielen die Nutzungsquoten der Angebote eine wichtige Rolle. Wir ziehen im Rahmen der Erfolgsmessung mit Firmen auch die Durchschnittskosten pro Krankheitstag heran. 

Unsere Erfahrung zeigt: Viele Unternehmen haben diesen Wert bisher gar nicht ermittelt. Deshalb haben wir auf der Zukunft Personal Europe Besucher*innen gebeten, ihren geschätzten Wert auf Karten zu notieren und an unsere Wand zu pinnen. Das führte nicht nur zu einem spannenden Überblick, sondern auch zu vielen tiefergehenden Gesprächen. Denn tatsächlich lohnt sich die Berechnung, gerade, wenn man den ROI einer Gesundheitsstrategie im Blick hat.

ottonova Standaktion auf der Zukunft Personal Europe "Was kostet euch ein Krankheitstag"
ottonova Standaktion auf der Zukunft Personal Europe „Was kostet euch ein Krankheitstag?“

Branchenunterschiede in der Gesundheitsstrategie

Gibt es bestimmte Branchen, Unternehmensgrößen oder Strukturen, bei denen Gesundheit besonders gut oder schwierig adressierbar ist?

Prinzipiell lässt sich das Thema in allen Branchen adressieren. Unterschiede zeigen sich eher in der Komplexität der Umsetzung. Ein Betrieb mit acht Beschäftigten implementiert schneller als ein Konzern mit 5.000 Mitarbeitenden, Betriebsrat, Gremien und vielen Stakeholdern. Die Offenheit ist aber meistens da.

Besonders hoch ist die Nachfrage in Bereichen, in denen körperliche oder psychische Belastungen stärker wahrgenommen werden, etwa in Hotellerie und Gastronomie. Dort sieht man, wie unmittelbar sich Gesundheit auf das Tagesgeschäft auswirkt.

Was Entscheider:innen wirklich überzeugt

Welche Argumente überzeugen Entscheider:innen am stärksten, in Gesundheit zu investieren oder das Thema strategisch zu verankern?

In kleineren Betrieben sind es häufig persönliche Schicksale, die einen Prozess auslösen und Unternehmen dazu bewegen, intensiver über Gesundheitsangebote nachzudenken. Dann geht es weniger um Argumente als um holistische Betrachtung des Themas und strukturelle Begleitung.

Bei Firmen, die das Thema noch nicht auf dem Radar hatten, überzeugt besonders die Kombination aus Win-Win-Situation und klar berechenbarem ROI. Gesundheit als Benefit UND als Produktivitätsfaktor, diese Verbindung funktioniert. Und tatsächlich amortisieren sich viele Maßnahmen bereits durch die Reduzierung eines einzigen durchschnittlichen Krankheitstags.

Ein Tipp für eine nachhaltige Gesundheitsstrategie

Welchen konkreten Tipp würdest du Unternehmen geben, die Gesundheit langfristig und wirksam in ihre Kultur oder Benefits integrieren wollen?

Beschäftigt euch mit den Angeboten, die es am Markt gibt, und betrachtet das Thema ganzheitlich. Oder ruft entsprechende Anbieter einfach an und macht einen Termin aus.

Langfristig wirksam wird eine Gesundheitsstrategie, wenn Unternehmen sie als festen Bestandteil ihrer Organisationsstrategie begreifen. Dazu gehört, Verantwortlichkeiten klar zu definieren, Gesundheitsdaten strukturiert zu nutzen und Maßnahmen so auszuwählen, dass sie tatsächlich zu eurer Kultur passen.

Unternehmen, die Gesundheit genauso konsequent managen wie ihre Finanzen oder ihr Recruiting, werden langfristig resilienter, attraktiver und wirtschaftlich stabiler sein.

Lukas Härle

Lukas Härle

Experte für (betriebl.) Krankenversicherung, Sr. Key Account Manager B2B Sales

Lukas Härle bewegt sich seit fünfzehn Jahren an der Schnittstelle von Vertrieb, Innovation und Kommunikation – mit einem klaren Ziel: (betriebliche Kranken-)Versicherung neu zu denken. Als Key Account Manager bei ottonova verbindet er die Erfahrung aus der klassischen Versicherungswelt mit Startup-Mentalität und echter Digitalexpertise. Sein Weg führte ihn vom Maklerbetreuer zum Innovationsmanager, vom Podcast-Host zu jemandem, der zuhört, versteht und Lösungen entwickelt.

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